— Statement

Energiewende – Segen oder Fluch?

Hauptgeschäftsführer Vyacheslav Krupenkov über das Jahrhundertprojekt.

 
Vyacheslav Krupenkov, Hauptgeschäftsführer der GAZPROM Germania GmbH, sieht die Umsetzung des gröSSten Infrastrukturprojektes seit der Wiedervereinigung Deutschlands in Gefahr. Der Umbau der Energieversorgung muss organisiert und strukturiert, der unkoordinierte und willkürliche Ausbau der erneuerbaren Energien in einen geordneten Rahmen überführt werden, fordert Krupenkov.






Wie die meisten politischen Großentscheidungen ist auch die Energiewende aus einem Zufall entstanden, dem Reaktorunglück von Fukushima. In nur drei Monaten wurden damals 1000 Seiten Gesetzestext verfasst. Zwei Jahre nach der Energiewende wird das ganze Ausmaß langsam sichtbar. Es geht nicht um ein paar Windräder oder Solarzellen, sondern um den kompletten Umbau des Energiesystems.

 

Die Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt, das zu Neuorientierungen von bisher unbekanntem Ausmaß in Wirtschaft und Gesellschaft führen wird. Doch seit der energiepolitischen Kehrtwendung durch die Bundesregierung ist nicht viel passiert.

 

Wir erleben die Energiewende mit Großbaustellen an allen Dimensionen des energiepolitischen Zieldreiecks – Stichworte Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und Versorgungssicherheit. Diese Ziele wurden bisher nicht erreicht. Im Gegenteil: Die Energiewende hat bisher nur zu steigenden Preisen, weniger Versorgungssicherheit und vor allem zu einem wachsenden CO2-Ausstoß geführt. Darüber hinaus geht der Ausbau der erneuerbaren Energien unbegrenzt weiter, die Kosten ufern aus.

 

Die sinkende Auslastung bei den erneuerbaren Energieträgern durch den unverhältnismäßigen Zubau von teuren Wind- und Solarkraftanlagen bedeutet eine Verminderung der Auslastung konventioneller Kraftwerke und die Errichtung zusätzlicher, auf eine geringere Jahresauslastung ausgelegter Stromerzeugungskapazitäten. Das ist ein Effizienzverlust, der seinesgleichen sucht.

 

Statt teurer Subventionen brauchen wir einen fairen Wettbewerb. Erdgas verdient die volle Anerkennung der Energiepolitik. Denn Erdgas ist nicht nur umweltfreundlich, sondern eignet sich auch als ein flexibles Sicherheitsnetz zum Ausgleich für erneuerbare Energie.

 

Kanzlerin Merkel hat Recht mit ihrer Kritik, dass klimaschädliche Kohle-kraftwerke heute besser dastehen als neu gebaute Gaskraftwerke. Ersetzte man Kohlestrom durch Gas, verringerte sich der CO2-Ausstoß sofort um 50 bis 60 Prozent. Denn erinnern wir uns: vor Fukushima war der Klimaschutz das höchste Ziel in Deutschland und in der EU. Davon hört man heute nichts mehr.

 

Die Energiewende wurde zu schnell und ohne Berücksichtigung internationaler Zusammenhänge beschlossen. Die Nachbarstaaten Deutschlands kritisieren zunehmend, dass die Überproduktion des deutschen Ökostroms die Netzstabilität bedroht. Polen musste zum Beispiel deutsche Windenergie aufnehmen und über Tschechien weiterleiten, damit der Strom in Süddeutschland verbraucht werden kann. Das ist planlos und unwirtschaftlich.

 

Insgesamt ist die Realisierung der Energiewende nichts weniger als eine Operation am offenen Herzen, allerdings nicht auf dem OP-Tisch, sondern während des endlosen Marathons um Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Arbeitsplätze. Jeder Schritt muss genau geprüft und bedacht werden. In der Vergangenheit wurden zu oft Richtung, Tempo und Fahrweise verändert, ohne dass in der Sache etwas erreicht wurde.

 

Die Industrie und die Energieversorger müssen an einen Tisch mit der Politik, die letztendlich entscheiden und die richtigen Weichen stellen muss. Die Orientierungslosigkeit in der energiepolitischen Debatte muss beendet werden.

 

Als einer der wichtigsten Erdgaslieferanten unterstützt GAZPROM die Energiewende mit besten Kräften. Deutschland ist traditionell unser wichtigster Partner und größter ausländischer Abnehmer. Jährlich liefern wir rund 34 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Deutschland, das sind rund 40 Prozent der deutschen Erdgasimporte.

 

Im Kontext der Energiewende erhält Erdgas jedoch nicht den Stellenwert, der ihm „als Brücke zu den erneuerbaren Energien“ zusteht. Wir wünschen uns, dass die Förderung der erneuerbaren Energien insgesamt korrigiert wird. Statt teurer Subventionen brauchen wir einen fairen Wettbewerb, um zu einem stabilen Preissystem zu kommen. Wir brauchen neue, saubere Kraftwerke statt alter, schmutziger Kohle, um eine stabile, umweltgerechte Stromversorgung zu sichern.

 

Nötig ist ein neues Marktdesign, zudem ein grundlegend reformiertes Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), ein europäischer Emissionshandel als Leitsystem der europäischen Klimapolitik und eine wirtschaftliche Sicherung für den Erhalt und Neubau von konventionellen Kraftwerkskapazitäten.

 

Flexible regelbare Kraftwerke sind von eminenter Bedeutung, um Verbrauchsspitzen auszugleichen und die Netzstabilität sicherzustellen. Für uns ist es nicht nachvollziehbar, dass seit Jahren abgeschriebene Stein- und Braunkohlekraftwerke derzeit eine Renaissance erleben – hoch-effiziente Erdgaskraftwerke aus regulatorischen Gründen jedoch die Stilllegung droht. So konnte das Gas-und-Dampf-Kraftwerk Irsching, welches mit 60% Wirkungsgrad das weltweit effizienteste GuD-Kraftwerk ist, nur noch wenige Stunden pro Monat ans Netz gehen. Diese Marktverzerrung auf Kosten des Klimaschutzes und der Stromkunden muss in der kommenden Legislaturperiode gelöst werden.

 

Ein wesentlicher Bestandteil der Energiewende ist die dezentrale Energieerzeugung. Hier muss in intelligente Netztechnik und Kleinanlagen, zum Beispiel hoch effiziente Blockheizkraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung, investiert werden. Dazu muss die Politik Investitionsanreize schaffen. Denn Investitionen sind das Rückgrat einer stabilen Versorgung, ohne die der Energieumbau nicht gelingen kann.

 

Wir möchten daher an die deutsche Politik appellieren, das Potential von Erdgas anzuerkennen und Rahmenbedingungen für eine bezahlbare und klimaschonende Energiewende zugleich zu ermöglichen.

 

 

 

VYACHESLAV KRUPENKOV
Hauptgeschäftsführer GAZPROM Germania GmbH



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